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Das Album (01) – ein Leben in Bildern

2013/11/30

Das Album

Ich sitze in der Straßenbahn. Ich blicke umher. Die Menschen fliehen meinen Blick. Sie schauen in eine andere Richtung, kaum dass sich unsere Blicke gekreuzt haben. Sie sind scheu, ja, schamhaft. Zwar reden sie dabei auf ihre Handys ein, ihre geheimsten Gedanken mit allen Umstehenden und Herumsitzenden teilend, aber meinem Blick stellen sie nicht! Einige versuchen zu lesen. Andere hören sich Musik an, über ihren mp3. Jemand fummelt in der Handtasche herum. Nachhaltig.

Plötzlich kommt mir ein Gedanke, der meiner eigentlich so alltäglichen Bahnfahrt Furcht erregende Dimensionen schenkt. Der Gedanke, dass in hundert Jahren keiner der Fahrgäste mehr leben wird. Weder ich, noch sie alle in der Bahn. Vieleicht wird es auch die Tram nicht mehr geben! Mit 68 Jahren sind solche Gedanken nicht anrüchig! Dennoch ist es unheimlich, die zum Tode verurteilten anzuschauen. Ich zwinge mich daher, sie mir als Kleinkinder vorzustellen! Sind sie nicht süß? Wie kann es sein, dass wir alle einst liebenswerte und geliebte Kinder waren, und dass uns die Passanten anlächelten, und unsere Mütter angelächelt haben? Und alle waren so nett! Und die Mütter träumten von einer großen Zukunft für uns Kinder. Damit würde ich also beginnen, traditionell und gewohnheitsgemäß mit der Nachricht, dass ich geboren wurde, und dass man sich darüber gefreut hat. Wir werden in meinem Album blättern, wir werden eine Zeitreise machen. In dieser Geschichte geht es nicht um mich, sondern unter dem Vorwand des Albums, dass wir da sind, da sein werden, und vielleicht da waren, und manchmal, wo der Weg sich teilte, in die falsche Richtung gegangen sind. Vorausgesetzt, es gab die eine –oder andere – Alternative. Nun, über diese Alternativen werden wir uns auch unterhalten.

Mein erstes Album bekam ich zu Weihachten geschenkt. Es war in rotes Kunstleder eingebunden, mit eingeprägtem, vergoldetem Blumenmuster. Das Album hatte meine Mutter zusammengestellt. Die Auswahl der Bilder verrät ihren Geschmack, sie ist die Redakteurin. So bestimmt sie auch sechs Jahrzehnte später meine Gedankengänge.

Die erste Seite

Die erste Seite

Das ist die Eröffnungsseite. Es fehlt ein Bild. Wer und wann hat es entfernt? Zu welchem Ziele? Wie viele Informationen aus unserem Leben gehen auf diese Weise verloren? Gewiss, gäbe es keine Photographen, bliebe nicht viel übrig von unserer Kindheit. Wie viele unserer vermeintlichen Erinnerungen, die wir liebevoll bewahren sind in Wahrheit von Fotos reflektiert? Und nur von diesen?

Neben dem fehlendem Bild sieht  man mein erstes. Man hat mich abgelichtet, also bin ich… Auf dem Bild tue ich, was Säuglinge regelmäßig tun pflegen: ich weine. Das ist der zweite Grad der Kommunikation, wobei das Lächeln der erste Grad ist. Ein Neugeborener kann noch nicht sehen, erwidert jedoch das Lächeln der Mutter. So liest man bei Psychologen und Ethologen. Mutti drückt mich an sich. Meine Patin, die Leni aus Ansbach, erzählte mit, das meine Mutter ein überirdisches Lächeln erstrahlte als sie mich Mutti das erste Mal in den Armen hielt, und ihre beste Freundin, besagte Leni,  sie besucht hat.

Im sonstigen, sollte es jemanden interessieren, wurde ich am 19. Februar 1945 in Berlin geboren. Wen könnte noch dieses Datum interessieren? Vielleicht die Nachkommen jenes Leutnants, eines gewissen Georg (György) Horváth, des 101/7 Regiments der königlich ungarischen Luftwaffe, der an jenem Tag 15 Km nördlich von Esztergom (Gran, an der slowakischen Grenze Ungarns, unweit von Budapest) senkrecht abstürzte. – wie man im Internet nachlesen kann. Würde ich an der Reinkarnation glauben, könnte ich mich gar für seine Wiedergeburt halten. Wie viele wohl mögen am selben Tag gestorben sein? Und wie viele sind geboren wurden? In dem Luftschutzkeller, wo ich geboren wurde, blieben von 34 Kindern nur 7 am Leben. Warum bin ich einer dieser sieben Überlebenden?

Während in Japan die Schlacht um Iwo Jima tobte – sie begann an meinem Geburtstag – arbeiteten im umkämpften Berlin die Fotografen. Wer mag wohl der Autor meines Bildes gewesen sein? Hat er den Krieg überlebt? Und dieses Bild, wie schaffte es unsterblich zu bleiben? Der Kinderwagen, in dem das Fotoalbum steckte, wurde von den Flammen vernichtet, während meine Mutter mit mir im Bunker auf das erlösende Zeichen der Sirene wartete. Haben auch Alben ein Schicksal? Die Wohnung meiner Oma ging in Flammen auf. Von der Wohnung blieb nur eine Jugendstilvase übrig, in einem Teppich eingewickelt.

Sie hat überlebt

Sie hat überlebt

Diese Vase habe ich 2008 beim Tod meiner Mutter geerbt, und meinem Cousin Michael geschenkt. Mein preußischer Opa hieß ebenfalls Michael. So kam die Vase nach Jahrzehnen einer Weltreise über Budapest, Bonn und München wieder nach Berlin. Die Zwilingsvase die eins zusammen mit der Weltreiserin einst die Kommode geschmückt hat, jedoch wurde Opfer der bomben. So ist das Schicksal.

Das erste Bild - der erste Schrei

Das erste Bild – der erste Schrei

Neben dem weinenden Säugling sieht ihr einen Lama in weißer Mütze. Sie könnte – wäre nicht die Farbe Weiß – einem tibetischen Mönch gehören! Ein Typisches Atelierbild eins typischen Kinderfotografen.  Ich grüble, ob die Kämpfe schon zu Ende waren, als diese Bild aufgenommen wurde? In Berlin waren sie wohl zu Ende, denn eine Mutter, die ich vorsichtshalber gefragt habe, sagte mir ich muss da 6 bis 7  Monate alt gewesen sein, da in diesem Alter ein Kind sitzen lernt. Also muss es in August gewesen sein, obwohl mir die Tracht zu winterlich erscheint. In August aber fiel „die“ Bombe, und das Atomzeitalter hat begonnen, während ich sitzen lernte.

Der weisse Lama

Der weisse Lama

Weihnachten gingen wir wieder zum Fotografen. Dort entstanden Foto Nr. 3 und 4. Muttis Hut scheint derselbe zu sein, wie auf Bild Nr. 1. Oder ähnelten sich nur damals alle Damenhüte? Mein Kleidchen scheint gehäkelt zu sein. Damals war man arm. Zum Essen gab es dennoch genug, nach meiner runden Backe zu urteilen… Ich komme wieder ins Grübeln! Was alles musste damals eine Mutter ertragen? Und heute, im Wohlstand, spricht die eine oder andere junge Frau von einer ungewissen Zukunft. Wie sieht aber eine gewisse Zukunft aus?

Muttis Liebling

Muttis Liebling

Auf dem Arm genommen...

Auf dem Arm genommen…

Das nächste, das 5. Bild zeigt mich lesend. Mit 2 ½ Jahren war ich also schon eine Leseratte. Das hat sich nicht geändert!

Mein erstes Buch

Mein erstes Buch

Ich war zeitlebens ein leidenschaftlicher Leser. Ich konnte es kaum erwarten, lesen zu lernen. Allerdings musste ich zwischendurch die Sprache wechseln. Zur Muttersprache kam die Vatersprache. Auf jenem Bild mime ich nur das lesen, kommentiert habe ich jedoch die Bilder auf Deutsch. Um aber richtig lesen zu könne, musste ich erst Ungarisch lernen. Aber das ist bereits der nächste Kapitel!

Fortsetzung folgt…

Die zweite Seite

Die zweite Seite

Die nächste Folge: die Hüte, der Kudamm und Papas Motorrad

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One Comment leave one →
  1. Hódsági Éva permalink
    2013/12/02 21:43

    Kedves Ulrich Atya!
    A váza is gyönyörű, a magyar változatban ugye nem volt benne, nem emlékszem rá. De most visszalapozok, megnézem.

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