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Das Album (02) – ein Leben in Bildern Die Blockade

2013/12/11

Berlin zur Zeiten der Blockade

Lasst uns nun das Fotoatelier des Kinderfotografen verlassen, und die Straße betreten.

2. rész

2. rész

Mutti führt mich an der Hand. Auf dem ersten Bild trägt sie dasselbe Kleid und denselben Hut, wie das letzte Mal auf dem Bild, wo sie mich auf dem Arm getragen hat. Dieses Bild strahlt dieselbe Atelieratmosphäre aus: etwas künstlich, sehr feierlich, mit dem berühmten „Jetzt bitte lächeln“  Blick.

Auferstanden aus Ruinen

Auferstanden aus Ruinen

Der Übergangsmantel und die kahlen Bäume lassen vermuten, die Aufnahme ist in Spätherbst entstanden. Mutti hält ihre Hände schützend auf meinen Schultern. Im Hintergrund erblicken wir Ruinen. Berlin blieb noch jahrelang ein Trümmerhaufen. Dort wo ein Schutthaufen sich auftürmt, menschenhoch, lebten noch vor kurzer Zeit Menschen. Menschen, die ihre Kinder nie mehr im Sonntagsstaat spazieren führen werden. Die weißen Socken und das Mäntelchen sowie die Braver-Junge-Pose galt wahrscheinlich dem unsichtbaren Fotografen, der Vater gewesen sein muss.

_STB1978 KUL ALB 2Beim nächsten Spaziergang posier ich dagegen alleine, im Mantel mit eleganten Samtkragen, kamerabewusst, wie ein Medienstar. Es wäre gut, könnte man die Reklame entschlüsseln auf der Litfaßsäule im Hintergrund. Dann wüssten wir ziemlich genau, wann das Bild entstanden ist. Hatte die Berliner Blockade schon begonnen?

Am 31. März 1948 fingen die Sowjets an den Transitverkehr über Ost-Berlin zu kontrollieren. Stalin, der gerne betont hatte, dass „die Hitlers kommen und gehen, das deutsche Volk aber bleibt“, wollte nicht, dass die von den Westmächten eingeführte neue deutsche Mark zu einer wie auch immer gearteten deutschen Einheit führt. Die Einheit konnten sich die Sowjets ausschließlich unter der eigenen Aufsicht, also unter der roten Flagge vorstellen. So wurde der Westteil der Stadt als Antwort auf die im Sommer eingeführte DM abgeriegelt, und die Amerikaner antworteten mit der Luftbrücke.

Mutti bietet Sicherheit

Mutti bietet Sicherheit

Das nächste Bild zeigt mich mit Mutti auf dem legendären Kudamm, im Hintergrund mit der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wird wohl bereits zu Zeiten der Blockade entstanden sein, worauf man aus meiner sommerlichen Bekleidung schließen kann.  Ich stehe auf der leeren Sockel einer jener Vitrinen, in denen einst die schönsten Gegenstände der angrenzenden eleganten Luxusläden gezeigt wurden. Als wir ein paar Jahre später, zu Weihnachten 1956 unsere Oma besucht haben, waren diese Schaufenster alle bereits wieder mit den Prunkstücken der Kollektion bestückt. Zur Zeit der Aufnahme sind aber die Berliner auf die unterste Stufe der Maslowschen Pyramide runtergerutscht, man versuchte zu überleben. Essen muss man halt, und das meiste Essbare wurde von den Bombern der westlichen Alliierten über die sogenannte Luftbrücke herangeschafft. Nun sind die Berliner humorvolle Großstadtmenschen, und haben gleich die Maschinen Rosinenbomber benannt. Bomber, die nicht den Tod gebracht haben, wie kaum drei Jahre früher, sondern das Leben! Wir Kinder aber gafften an den Zäunen der Flughäfen um die Landung der Maschinen zu beobachten und hatten unseren Spaß!

Die Sehnsucht einer Generation

Die Sehnsucht einer Generation

Die schlagfertigen Insulaner – denn nunmehr war Berlin eine „Insel“ – hatten aber nicht nur für die Flugzeuge der Amis einen Kosenamen erfunden, sondern hatten ihre berühmtesten Bauwerke umbenannt. Für die Berliner war die oben abgebildete Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche schlicht und einfach der „hohle Zahn“, was mehr als zutreffend war! Selbst dieser Brauch alles umzubenennen, wurde durch einen eigenen  Begriff geehrt. Man sprach von „Berolinismus“. Berolina was nämlich die neulateinische Form des Namens der deutschen Hauptstadt, und der Kosename zu Zeiten des Kaisers ward populär. Man ehrte den Namen und die Kunstgöttin Berolina durch ein 7,5 Meter hohes Denkmal auf dem legendären Alexanderplatz, der damals das Herz der Stadt war. Etwas Größenwahn, typische wilhelminisch. Die Berliner waren deshalb nicht ganz unglücklich als das Monstrum in Oktober 1944 eingeschmolzen wurde. Symbolisch? Wie auch immer. Nostalgiker gründeten einen Verein – was denn sonst  – um die Riesendame auferstehen zu lassen.  Bleiben wir aber beim Berliner Volksmund: auch das Denkmal zu Ehren der lebensrettenden Luftbrücke bekam den Ehrennamen Hungerkralle. Ziemlich treffsicher, oder?

Die Hungerkrallen

Die Hungerkrallen

Es mag auch kein Zufall sein, dass auf der Prachtstraße West-Berlins, auf der Tauentzienstrasse als erstes die großen westlichen Fluggesellschaften ihre Büros eröffnet haben, so auf unserem Bild die Holländer (KLM). Allerdings, die verarmten Berliner werden nur selten Fluggäste gewesen sein, eher die zahlreichen Ausländer in Berlin.

Gefall ich Euch?

Gefall ich Euch?

Wir sind da noch weit entfernt vom kommenden Wirtschaftswunder,  dessen erste Zeichne wird erst sechs Jahre später erspähen werden, beim historischen Besuch der Oma. Die Armut kann man an meinen abgetragenen Schuhen und das handgestrickte Kleidchen ablesen. Die „Ihr fotografiert wirklich mich?“-Geste verrät wiederum, dass ich mit vier Jahren noch unverdorbene Ambitionen eines Schauspielers (oder Clowns…) hatte. Wir befinden uns auf dem Tauentzien, der nur 500 Meter langen Einkaufstrasse zwischen dem märchenhaften KaDeWe, von meiner Mutter konsequent und liebevoll KaDeWupptig genannt, und dem siebenmal so langen Kudamm. Letztere Prachtstraße war wie der Name schon zeigt ursprünglich ein Damm, benannt nach dem Kurfürsten, der als einziger darauf reiten durfte, hinaus zu seinem Jagdschloss in Grunwald.  Somit ist der Damm eine symbolische Synthese der gesamten neudeutsche Geschichte vom aufgeklärten Absolutismus bis zur heutigen Massendemokratie, und damit Massenkonsum, dessen Tempel sich auf beiden Seiten des einstigen Dammes erstrecken. Mich hat er in meiner Kindheit wie ein Magnet angezogen, und habe meine Nase an den Schaufenstern plattgedrückt.  Dort sah man herrliche Dinge, etwa Südfrüchte, die in diesen Zeiten der Blockade genauso rar waren wie später im konkreten Sozialismus… Ich sah Apfelsinen damals immer dann, wenn Vater als Diplomat sie eingekauft und mitgebracht hat. Kein Wunder, dass meine ersten Erinnerungen an ihm ein Berg von Apfelsinen ist, und die Früchte kullern vom Bett auf den Boden nieder! Dazu muss ich aber noch sagen, dass selbst in den schwersten Tagen der Blockade Privatpersonen frei die sogenannten Sektorengrenze überqueren dürften, in beiden Richtungen. Es bleib Nikita Krushchev vorbehalten, die Stadt durch eine Mauer zu teilen. Ohne Mauer aber blühte der Schwarzmarkt

Mitfahrer Honecker unsichtbar

Mitfahrer Honecker unsichtbar

Es war auch wegen des Schwarzmarktes, dass man Vaters Motorrad um eine Haaresbreite konfisziert hätte. Das Motorrad trug das Kennzeichen C 32.93, wie auf dem Bild, wie ich stolz darauf sitze, zu sehen ist. Man hat mich natürlich fotogen drauf gesetzt. Im Schwarzmarkt war nicht ich, sondern mein Onkel (Mutters Bruder)  und Pate, Gerhard Melerski. Er entschwand mit diesem schnellen Gefährt sobald sich die MP(Military Police) der Amis näherte. Einmal haben sie ihn doch geschnappt und Vater musste sein Rad und dessen Fahrer auf „diplomatischem Weg“ befreien. Das Gefährt war den Grenzwächtern und Polizisten ohnehin bekannt, denn manchmal fuhr darauf. hinter meinen Vater geklemmt ein späterer Prominenter, nämlich der Sekretär des FDJ, Erich Honecker, das sich damals die Küche der ungarischen Botschaft gut schmecken ließ. Dort war die Verpflegung um etliche Grade besser als in der Parteikantine…  Nun, dieser Funktionär wird eines Tages die verfehlte Prognose abgeben, die Mauer (die er mit gebaut hat) würde noch weitere 100 Jahre bestehen. Irren ist menschlich, und oft auch politisch.

Ist euch übrigens aufgefallen, wie leer die Straßen Berlins sind? Heute träumen die Grünen von ähnlich leeren Straßen. Kein Auto weit und breit! Kein Wunder, dass die Berliner Luft, und dessen Güte, weltberühmt wurde. Interessanter weise reißt dieser Ruhm bis heute nicht ab! Die Berliner sind aber nicht nur erfinderisch, sondern auch geschäftstüchtig, und verkaufen ihre Luft in Dosen an naive Ausländer. Di e Berliner entkräften damit ein Fehlurteil der Nationalökonomen, die behauptet haben.,   die Luft sei gratis, ohne Marktwert. Berliner Luft ist ein Markenartikel! Populär hat sie der Komponist Paul Lincke gemacht und ich rühme mich immer diese freie Luft eingeatmet zu haben. Es kann auch sein, dass mein Geschäftssinn darauf zurückzuführen sein. Wer weiß?

Ein Kind aber braucht vor allem Liebe. Die erste Portion davon bekam ich von Mutti. Darüber handelt die nächste Folge, Teil III unserer Bildergeschichte. „Im Garten“

Fortsetzung folgt…

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