Skip to content

Das Album (03) Gärtner oder Strassenfeger?

2013/12/18

Garten der Gärten

Garten der Gärten

Eine gute Story spielt sich gewöhnlich in einem Garten ab, zumindest beginnt sie dort. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Bibel. In meinen ersten Lebensjahren war in Berlin überall Garten. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass nach dem Krieg die Berliner nicht so leicht aufs Land fahren konnten, wie andere deutschen Großstädter, um sich zu versorgen. Denn Berlin war viergeteilt, und die Umgebung ein „fünfter Bezirk“, eine andere Welt. So pflanzten die Berliner überall in den Ruinen Kartoffeln an. Die Berliner Oma aus Schöneberg, meine Großmutter mütterlicherseits, erzählte später amüsiert, ich hätte ihr eines Tages mit großer Inbrunst ein Blumenstrauß überreicht: „Blümchen für Dich”. Es waren Blüten der Kartoffel, und mein exklusiver Blumengruß wurde zur Legende in der Familie.

Meine Vorbilder von einst

Meine Vorbilder von einst

Damals wollte ich Gärtner werden. Genauer gesagt, ich kämpfte mit mir selber, ob ich Gärtner oder lieber Straßenfeger werden sollte. Ich war mit „unserem“ Straßenfeger, der für den Wohnblock rund um Omas „Königreich“ in der Motzstraβe 63 zuständig war, befreundet. Es war wie in Momos Geschichte, und er wurde mein erster Philosophie-Lehrer. Er war stolz, dass sein Bezirk immer blitzsauber war, und er kannte jeden persönlich in der Straße, wie auch jeder ihn in der Straße gekannt hat. Er war ein gemeinschaftsbildendes Element in der Weltstadt.

Musiktruhe aus den Fünfzigern

Musiktruhe aus den Fünfzigern

Die Gärtnerei ist aber dennoch eine weit kreativere Tätigkeit! Ein Gärtner macht unsere Umgebung nicht nur sauber, sondern auch schön. Er verzaubert unsere Welt. So knüpfen meine schönsten Kindererinnerungen an einen wolkenlosen Himmel im Sommer auch an einen Garten, den Garten der Tante Halli in Zehendorf.

Halina Prawdzik war die reiche Verwandte in unserer weltverzweigten Familie. Die Prawdziks besaßen ein feines Musikgeschäft, wo man die damals modischen Musiktruhen aus Edelholz für teures Geld erwerben konnte, auf der teuersten Einkaufstrasse Westberlins, auf dem Kudamm. Dort kaufte „man“ – soweit man zu den besseren Kreisen gehört hatte, – den neuesten Plattenspieler und später den Fernseher.

Ein Blumenkind anno 1948 (20 Jahre zu früh?)

Ein Blumenkind anno 1948 (20 Jahre zu früh?)

Der Zehlendorfer Garten meiner Patin war sehr gepflegt, mit herrlichen Rosen und Staudengewächsen. Sie hatte natürlich einen Gärtner eingestellt, der samt Familie im Untergeschoss gewohnt hatte, während die Herrschaften natürlich in der Belle Etage. Die Prawdziks hatten sich jede Art von Luxus leisten können, vom geschmeidigen Perserteppich bis zum repräsentativen Porzellanservice. Am meisten beeindruckten mich die Schmetterlingsplatten. Meine Tante hatte sich in der Kleinkunst geübt, bunte Schmetterlingsflügel zu Mustern zusammenzustellen, zu fantasievollen Blumengestalten, die aber nur aus den Flügeln exotischer Schmetterlinge bestanden. Tante Hallis Villa war eine Art Märchenreich. Der Hausherr thronte in einem majestätischen Sessel ein Cognac Glas schwenkend, während die Hausherrin ihre herrlichen Kuchen angeboten hatte. Am aufregendsten fand ich jedoch ihre Zuckerzange. Bei Tante Halli herrschte das Etikett, und den Würfelzucker durfte man nur mit der Zange aus der Silberdose rausnehmen, was sich zugleich als ein Geschicklichkeitstest erwies. Wer den Würfel aus der Zange raufallen ließ, der war in Tante Hallis Augen tief gesunken.

Lesen als Vergnügen

Lesen als Vergnügen

Andere Kinder hätten im großen Garten rumgetobt, ich aber las lieber. Genauer gesagt, las mir Mutti vor. Ihr seht hier Mutti ausgestattet wie ein Filmstar der Ufa, oder war es schon Hollywood? Nun ja, die Motzstraße in Schöneberg, wo wir damals gewohnt haben, war einst in den Zwanzigern das Viertel der Berliner Boheme. Hier arbeiteten Erich Kästner und Billi Wilder am Manuskript des Emil und die Detektive. War es diese künstlerische Umgebung oder Naturtalent? Ich übte mich damals in der Schauspielerei, wobei die schweren Gardinen zwischen dem Esszimmer und dem Salon in Tante Hallis Haus ein willkommenes Requisit waren. „Seid ihr alle da?” – fragte ich mein Publikum, das sich erwartungsvoll in den Sesseln niederließ. Die Texte habe ich beim Kasperletheater gelernt, und ich wurde für die Performance mit Kakao belohnt, der bei Tante Halli ganz exquisit war, das Feinste von Feinem.

Meinen größten Erfolg erzielte ich jedoch bei Metro Goldwyn Mayer. Der amerikanische Filmmogul drehte einen Film auf dem Kudamm. Wie ich sein Blickfeld gekommen bin, weiß heute niemand mehr, aber er drehte eine kleine Szene mit mir. Das war kein Casting, sondern Kino pur. Herr Mayer – er soll es höchstpersönlich gewesen sein – hat mich nach den Aufnahmen scherzhaft gefragt, was ich mir zur Belohnung wünsche. Er hielt griffbereit eine Schokolade hinter seinem Rücken, denn er konnte sich kaum vorstellen, dass ein Berliner Kind  einen anderen Wunsch hätte. Ich aber bat um einen Blumenstrauß für meine Mutter. Das muss den Filmemacher beeindruckt haben, denn er wünschte ihr die Blumen persönlich zu überreichen. Als echter Geschäftsmann hat er dabei gleich versucht über weitere Rollen zu verhandeln. Mutti lehnte jedoch dieses Ansinnen ab, denn ich sollte eine ungetrübte Kindheit haben. So wurde ich zu keinem Kinderstar, und ich ging einstweilen den Medien aus dem Weg. Nicht für immer, wie es sich 40 Jahre später herausstellen sollte.

So übte ich mich lange im Voraus als Medienfachmann. Hier erkläre ich Mutti wie man die Presse „richtig“ liest. Später wurde das zu meinem Beruf, zu meinem Lieblingsfach an der Uni, wo ich jahrelang Medienethik unterrichtet habe. Man achte auf den Zeigefinger! So erzielt man Aufmerksamkeit…

Mit anderen Worten, das alles ist nur ein Spiel!

_STB1973 KUL ALB 2

Wollen wir spielen?

Und wer ermüdet als Erste? Kinder haben ein unerschöpfliches Potential an Energie!

Vom Lesen erschöpft?

Vom Lesen erschöpft?

So, und jetzt gehört mir die Welt. Allerdings, alleine ist es gar nicht so schön.

Nee, aleene macht's keen Spass!

Nee, aleene macht’s keen Spass!

Man bräuchte einen Spielkameraden, einen Freund. Zum Glück kommt Papa immer öfter rüber in den Westen. Ich ahne noch nicht, dass all dies in einer großen Reise, ja Umzug enden wird.

Ds erste Bild mit Papa

Ds erste Bild mit Papa

4. Die letzten Tage in der Motzsstraβe. (Leica Bilder).

Fortsetzung folgt…

 

Advertisements
One Comment leave one →
  1. 2013/12/18 23:59

Szólj hozzá!

Adatok megadása vagy bejelentkezés valamelyik ikonnal:

WordPress.com Logo

Hozzászólhat a WordPress.com felhasználói fiók használatával. Kilépés / Módosítás )

Twitter kép

Hozzászólhat a Twitter felhasználói fiók használatával. Kilépés / Módosítás )

Facebook kép

Hozzászólhat a Facebook felhasználói fiók használatával. Kilépés / Módosítás )

Google+ kép

Hozzászólhat a Google+ felhasználói fiók használatával. Kilépés / Módosítás )

Kapcsolódás: %s